Private Equity wirkt im Markt für Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung als Beschleuniger eines bereits laufenden Strukturwandels. In seinem Insight teilt Maximilian Contzen, Associate Partner bei Odgers, seine Perspektive darauf, wie Konsolidierung, Plattformmodelle und Investitionen in KI nicht nur Geschäftsmodelle, sondern auch Führung, Kultur und traditionelle Partnerstrukturen verändern.
Der Markt für Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung in Deutschland befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Spätestens 2025 ist deutlich geworden: Private Equity hat die Branche nicht nur als Investmentfeld entdeckt, sondern als Plattform für strukturelle Neuausrichtung. Zahlreiche Transaktionen wurden bereits umgesetzt, weitere werden 2026 folgen. Finanzinvestoren bündeln Gesellschaften, etablieren Plattformmodelle und professionalisieren Steuerung und Governance.
Was dabei häufig unterschätzt wird: Der Einstieg von Private Equity verändert nicht nur Eigentumsverhältnisse und Finanzierungslogiken, sondern greift tief in Hierarchien, Führungsmodelle und die kulturelle DNA einer traditionell partnerschaftlich geprägten Branche ein. Parallel beschleunigt der technologische Wandel – insbesondere durch Künstliche Intelligenz – diesen Transformationsprozess zusätzlich.
Private Equity wirkt in Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung wie ein Katalysator. Bestehende Spannungen in Führung, Nachfolge und Kultur werden nicht neu erzeugt, aber sie treten deutlich schneller und sichtbarer zutage.
Konsolidierung als strukturelle Antwort
Im vergangenen Jahr hat sich in zahlreichen Marktbewegungen gezeigt, dass die Konsolidierung in Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung keine situative Entwicklung ist, sondern eine strukturelle Antwort auf wachsende Anforderungen. Der Markt bleibt stark fragmentiert: Viele Gesellschaften sind klein oder mittelgroß, partnerzentriert organisiert und lokal verankert. Gleichzeitig hat sich der Anpassungsdruck spürbar erhöht. Nachfolgefragen haben sich weiter zugespitzt, der Fachkräftemangel wirkt zunehmend limitierend, und Investitionen in IT-, Daten- und KI-Infrastrukturen sind von optionalen Modernisierungsschritten zu strategischen Voraussetzungen geworden.
Vor diesem Hintergrund gewinnen Plattformmodelle und Zusammenschlüsse weiter an Dynamik. Sie ermöglichen Skaleneffekte, bündeln Investitionen und schaffen die Grundlage für professionellere Steuerungs- und Governance-Strukturen. Im Markt zeigt sich immer deutlicher eine Differenzierung zwischen Organisationen, die diesen Wandel aktiv gestalten und ihre Strukturen anpassen, und solchen, die an gewachsenen Modellen festhalten. Für letztere wird der strategische Spielraum zunehmend enger.
Begünstigt wird diese Entwicklung durch den unveränderten regulatorischen Rahmen. Politisch diskutierte Verschärfungen des Fremdbeteiligungsrechts wurden auch im vergangenen Jahr nicht umgesetzt. Damit bleibt der rechtliche Zugang für Finanzinvestoren offen – und die Verantwortung verlagert sich weiter in die Organisationen selbst. Unabhängigkeit, Qualität und Integrität werden weniger durch zusätzliche Regulierung abgesichert als durch funktionierende Governance, klare Führungsstrukturen und wirksame interne Kontrollmechanismen. Die Tragfähigkeit von Beteiligungs- und Plattformmodellen entscheidet sich damit nicht auf regulatorischer Ebene, sondern in der konkreten Ausgestaltung und Umsetzung.
Künstliche Intelligenz verändert die Wertschöpfung
Gleichzeitig setzt Künstliche Intelligenz neue Maßstäbe für Leistung. Routinetätigkeiten werden automatisiert, Prüfungen datenbasiert und kontinuierlich. Die Wertschöpfung entsteht zunehmend nicht mehr durch einzelne Expertenleistungen, sondern durch leistungsfähige Systeme, konsistente Daten und standardisierte Prozesse. Das ermöglicht Skalierung, senkt Grenzkosten und erhöht zugleich die Erwartungen der Mandanten an Geschwindigkeit und Transparenz.
Hier verstärken sich KI und Private Equity gegenseitig. Konsolidierung schafft die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Einsatz von KI. KI erhöht den Druck zur Größe, weil ihre Wirkung ohne Datenvolumen und einheitliche Prozesse begrenzt bleibt.
Wohin sich der Markt bewegt
Eine Rückkehr zu kleinteiligen, rein partnerschaftlich geführten Strukturen wird zunehmend unrealistisch. Private-Equity-Investoren setzen auf Skalierung, standardisierte Prozesse und professionelle Governance – Anforderungen, die klassische Partnermodelle nur begrenzt erfüllen können. Wer investieren, technologisch modernisieren und Wachstum managen will, muss sich an neuen Spielregeln orientieren.
Der Markt spaltet sich daher zunehmend in zwei klar erkennbare Segmente:
- Große, kapitalstarke Plattformen:
Sie bündeln Beteiligungen, realisieren Skaleneffekte und investieren gezielt in IT-, Daten- und KI-Infrastrukturen. Effizienz, Transparenz und standardisierte Abläufe stehen im Vordergrund. Private Equity fordert hier klare Steuerung, messbare Ergebnisse und professionelle Führungsstrukturen – ohne diese Voraussetzungen ist Wachstum kaum handhabbar. - Kleine, spezialisierte Einheiten:
Sie setzen bewusst auf Fokussierung, fachliche Tiefe und persönliche Mandantenbeziehungen. Ihre Wettbewerbsfähigkeit entsteht durch Expertise und Nähe, nicht durch Größe oder Kapitalausstattung. Private Equity tritt hier selten aktiv auf, da Skalierbarkeit begrenzt ist.
Besonders prekär wird es für mittelgroße Organisationen, die zwischen diesen Polen stehen: Sie haben weder die Größe noch die Kapitalbasis für umfangreiche Investitionen, sind aber zu groß für rein persönliche Betreuung. Ohne klare strategische Ausrichtung und die Unterstützung eines Investors laufen sie Gefahr, im Wettbewerb zurückzufallen – sei es bei Mandanten, Talenten oder technologischer Modernisierung.
Für viele mittelgroße Häuser zeigt Private Equity den Unterschied zwischen Wachstum und Stagnation schonungslos auf. Wer sich nicht positioniert, verliert Handlungsfreiheit – und damit Marktanteile.
Führung: Vom Partnermodell zu vielfältigen Beteiligungs- und Karrierepfaden
Hinzu kommt, dass der Einstieg von Private Equity tradierte Beteiligungs- und Karrierelogiken infrage stellt. Das Modell der Equity-Partnerschaft wird zunehmend differenzierter betrachtet und seltener als einziges Ziel beruflicher Entwicklung verstanden.
Ein zentraler Faktor ist die veränderte Erwartungshaltung jüngerer Berufsträger. Hohe Kapitaleinlagen, langfristige Bindung und unternehmerisches Risiko werden heute kritischer abgewogen als in früheren Generationen. Gleichzeitig gewinnen Planbarkeit, Work-Life-Balance und alternative Karrierepfade an Gewicht. Das klassische Prinzip, wonach nachrückende Partner Anteile ausscheidender Partner übernehmen, stößt damit in der Praxis häufiger an Grenzen. Als Reaktion darauf entstehen neue Beteiligungsmodelle: Non-Equity-Partnerschaften, „Naked-in/Naked-out“-Modelle und erfolgsabhängige Vergütungs- oder Beteiligungselemente ohne substanzielle Eigenkapitaleinlage. Private-Equity-Beteiligungen verstärken diese Entwicklung, indem sie zusätzliche Exit-Optionen für ausscheidende Equity-Partner schaffen und zugleich risikoärmere Karrierewege für leistungsstarke Professionals eröffnen.
Viele leistungsstarke Professionals wollen gestalten, führen und Verantwortung übernehmen – aber nicht zwingend unter den klassischen Bedingungen einer Equity-Partnerschaft.
Das bedeutet jedoch nicht das Ende der Partnerschaft. Vielmehr verliert das klassische Partnermodell seine Monopolstellung. Equity-Partnerschaft bleibt für unternehmerisch geprägte Persönlichkeiten attraktiv, wird aber zu einer Option unter mehreren. Führung, Verantwortung und Einfluss sind damit nicht mehr zwangsläufig an Kapitalbeteiligung gekoppelt, sondern zunehmend an Rolle, Leistung und Wirkung innerhalb der
Organisation.
Für Beratungsgesellschaften entsteht daraus eine strategische Gestaltungsaufgabe: Sie müssen Beteiligungs-, Führungs- und Karrieremodelle so ausbalancieren, dass sie sowohl unternehmerische Anreize als auch moderne Erwartungshaltungen adressieren.
Kultur: Der unterschätzte Faktor
Der kulturelle Aspekt von Private-Equity-Beteiligungen wird häufig unterschätzt. Partnerschaftlich geprägte Organisationen basieren auf Vertrauen, persönlicher Verantwortung und gewachsenen Beziehungen. Mit zunehmender Größe, Integration und Professionalisierung verändern sich diese Grundlagen zwangsläufig.
Standardisierte Prozesse, gemeinsame Systeme und verbindlichere Steuerung sind betriebswirtschaftlich sinnvoll – kulturell aber erklärungsbedürftig. Ob dieser Wandel als Professionalisierung oder als Entfremdung wahrgenommen wird, entscheidet sich weniger an Strukturen als an Führung.
Kultur lässt sich nicht managen wie eine Kostenstelle. Sie entsteht aus gelebten Entscheidungen – gerade in Phasen schnellen Wachstums.
Führung übernimmt damit eine vermittelnde Rolle: Sie muss Kontinuität stiften, Orientierung geben und zugleich Veränderung ermöglichen.
Fazit
Private Equity wirkt im Markt für Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung als Beschleuniger bereits bestehender Entwicklungen. Tragfähig werden neue Beteiligungs- und Organisationsmodelle dort, wo Kultur, Führungsverständnis und wirtschaftliche Logik zusammengedacht werden. Nicht Kapital oder Technologie entscheiden über den langfristigen Erfolg, sondern die Fähigkeit, partnerschaftliche Werte mit neuen Formen von Zusammenarbeit und Steuerung in Einklang zu bringen.
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