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Digital & Technologie

KI als strategische Priorität im Unternehmen verankern: Interview mit Julian Geiger

Julian Geiger spricht mit Markus Trost darüber, wie die Nemetschek Group künstliche Intelligenz als strategische Priorität verankert und im Unternehmen zur Wirkung bringt.

Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung an der Schnittstelle von Technologie, Produktinnovation und groß angelegter Transformation prägt Julian Geiger maßgeblich, wie künstliche Intelligenz den Schritt vom Versprechen zur geschäftlichen Realität vollzieht. Als Chief AI Officer der Nemetschek Group treibt er eine der ambitioniertesten KI-Transformationen in der europäischen Softwarelandschaft voran und entwickelt ein historisch gewachsenes, dezentral organisiertes Portfolio zu einem integrierten, KI-orientierten Unternehmen weiter.

Für diese Leistungen wurde Geiger im vergangenen Jahr im Rahmen der Best of AI Awards als einer der führenden Köpfe im Bereich AI Leadership ausgezeichnet. In dem von Markus Trost geführten Gespräch erläutert er, was Führung in einem von exponentiellem Wandel geprägten Umfeld ausmacht und weshalb die eigentliche Herausforderung nicht im Verständnis der Technologie liegt, sondern in der Fähigkeit, ihr Potenzial in konkreten Business Impact zu übersetzen.

Ihre Laufbahn im Bereich der künstlichen Intelligenz ist beeindruckend. Was war der entscheidende Moment, der Sie dazu bewogen hat, diesen Weg einzuschlagen? Und gab es einen Moment, in dem Sie diese Entscheidung bereut haben?

Vor mehr als zwanzig Jahren stieß ich auf die Bücher The Age of Intelligent Machines und The Singularity is Near von Ray Kurzweil. Diese Werke haben meine Sicht auf die Zukunft grundlegend verändert. Die zentrale Frage, die sie aufwerfen, nämlich was mit unserer Welt geschieht, wenn wir allgemeine und schließlich übermenschliche künstliche Intelligenz erreichen, hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Von diesem Zeitpunkt an habe ich meine Laufbahn bewusst auf Software und Technologie ausgerichtet, um möglichst nah an der Entwicklung von KI zu bleiben.

Als sich in den 2010er Jahren Deep Learning durchsetzte, war das ein spürbarer Fortschritt. Der eigentliche Wendepunkt kam jedoch im Jahr 2022, als ich bei Google aus nächster Nähe beobachten konnte, wie Transformer-Architekturen und skalierende Rechenleistung Fähigkeiten ermöglichten, die so früh kaum jemand erwartet hatte. Eine langjährige intellektuelle Faszination wurde plötzlich zu greifbarer Realität.

Von Reue würde ich nicht sprechen. Allerdings hat die Arbeit in einem derart dynamischen Feld ihren Preis. Mit der Entwicklung Schritt zu halten, gleicht dem Versuch, aus einem Feuerwehrschlauch zu trinken, dessen Durchmesser stetig wächst. Man muss akzeptieren, dass man nicht alles wissen kann, und die eigene Energie gezielt einsetzen.

Führung ist stets mit Transformation verbunden. Wie stellt sich das Unternehmen aus dieser Perspektive dar, in dem Sie tätig sind? Und wie ist es gelungen, KI zu einer strategischen Priorität und zugleich zu einem kommerziellen Erfolg zu machen?

Die Nemetschek Group verfügt über eine besondere Geschichte. Über lange Zeit hinweg agierte sie als Finanzholding mit einem Portfolio weitgehend unabhängiger Softwaremarken, jeweils mit eigenen Produkten, Kunden und Unternehmenskulturen. Dieses Modell war erfolgreich, führte jedoch auch zu Doppelstrukturen, da ähnliche Probleme parallel gelöst wurden und die Zusammenarbeit zwischen den Marken begrenzt blieb.

Die derzeitige Transformation ist vielschichtig angelegt. Zum einen geht es darum, das Bewusstsein für den Mehrwert gemeinsamer Arbeit zu schärfen, da Abstimmung und gemeinsames Handeln deutlich größere Wirkung entfalten als isolierte Aktivitäten einzelner Einheiten. Zum anderen werden gemeinsame Fähigkeiten in Bereichen wie KI, Daten und Plattforminfrastruktur aufgebaut, von denen alle Marken profitieren. Darüber hinaus wird KI konsequent als strategische Priorität in allen Bereichen verankert, von der Produktentwicklung bis zur Marktbearbeitung. Der Übergang von einer dezentralen Holding zu einem integrierten, KI-getriebenen Softwareunternehmen stellt vermutlich die ambitionierteste Transformation in der Geschichte des Unternehmens dar.

Sie wurden von Capital als einer der führenden KI-Köpfe im DACH-Raum ausgezeichnet. Was macht Führung im Bereich Data und AI aus, und wofür begeistern Sie sich besonders?

Führung im KI-Umfeld unterscheidet sich vor allem durch die Notwendigkeit, die Lücke zwischen Technologie und Geschäft zu überbrücken. Künstliche Intelligenz ist längst kein Nischenthema mehr, sondern ein zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie, der auf allen Ebenen des Top-Managements verstanden werden muss.

KI ist längst kein Nischenthema mehr, sondern ein zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie, der auf allen Ebenen des Top-Managements verstanden werden muss.

Julian Geiger Chief AI Officer der Nemetschek Group

Ein wesentlicher Teil meiner Aufgabe besteht darin, komplexe technologische Zusammenhänge in eine klare Sprache zu übersetzen, auf deren Grundlage Entscheidungen getroffen werden können. Darüber hinaus geht es mir darum, den Blick für die Dimension der sich bietenden Chancen zu schärfen. Wenn es gelingt, diese Potenziale wirklich verständlich zu machen, entsteht eine Kombination aus Begeisterung und Dringlichkeit, die Transformation erheblich beschleunigt.

Wie gelingt es Ihnen in einem so dynamischen Umfeld, Führungskräfte und Teams zu inspirieren und auf eine gemeinsame strategische Vision auszurichten?

Ausgangspunkt ist ein überzeugendes Bild der zukünftigen Entwicklung der Branche und der eigenen Rolle darin. In der Bau- und Infrastrukturindustrie besteht ein erhebliches Potenzial, die Planung, den Bau und den Betrieb von Gebäuden grundlegend zu verbessern. Dies ist keine abstrakte Vision, sondern führt zu konkreten Ergebnissen wie nachhaltigeren Gebäuden, geringeren Fehlerquoten und effizienteren Abläufen.

Von diesem Gesamtbild ausgehend stellt sich die Frage, wie bessere Ergebnisse für Gesellschaft und Kunden erzielt werden können und welche Konsequenzen sich daraus für Produktentwicklung, Organisation und Geschäftsmodell ergeben. Wird deutlich, dass es nicht um Technologie um ihrer selbst willen geht, sondern um konkrete Wirkung, fällt die Ausrichtung innerhalb der Organisation deutlich leichter.

Wie gelingt es dem Unternehmen, erfolgreiche Anwendungsfälle umzusetzen und zu skalieren? Können Sie ein Beispiel nennen?

Als Softwareunternehmen besteht der größte Hebel darin, die eigene Softwareentwicklung grundlegend zu verändern. Der gesamte Entwicklungsprozess wurde analysiert und wird nun von der Idee über Design und Programmierung bis hin zu Test und Auslieferung konsequent unter dem Einsatz von KI neu gedacht.

Konkret bedeutet dies die Einführung eines KI-zentrierten Entwicklungsansatzes. KI ist kein Zusatz, der bestehenden Produkten hinzugefügt wird, sondern integraler Bestandteil der täglichen Arbeit der Entwickler. Dies reicht von KI-gestützter Codegenerierung über automatisierte Tests bis hin zu KI-basierten Entscheidungen im Produktdesign. Auf Produktebene wird seit 2025 ein KI-Assistent über alle Marken hinweg eingeführt, der Nutzern kontextbezogene Unterstützung direkt in ihren Arbeitsabläufen bietet. Entscheidend für die Skalierung war der Aufbau gemeinsamer Infrastruktur und einer zentralen KI-Basis, die von allen Einheiten genutzt werden kann.

Der Schlüssel zur Skalierung lag im Aufbau gemeinsamen KI-Infrastruktur und einer zentralen KI-Basis, die von allen Marken genutzt werden kann.

Julian Geiger Chief AI Officer der Nemetschek Group

Wie wird künstliche Intelligenz Führung verändern, und wie wird sich Ihre eigene Rolle in den kommenden Jahren entwickeln?

Künstliche Intelligenz wird Führung in mehrfacher Hinsicht verändern. Die Geschwindigkeit von Entscheidungen wird deutlich zunehmen, da Informationen in Echtzeit verdichtet zur Verfügung stehen. Damit verschiebt sich die Erwartung von sorgfältiger Abwägung hin zu raschem Handeln. Führungskräfte, die mit diesem Tempo nicht Schritt halten können, verlieren den Anschluss.

Führungskräfte, die mit diesem Tempo nicht Schritt halten können, verlieren den Anschluss.

Julian Geiger Chief AI Officer der Nemetschek Group

Zugleich verändert sich das Verständnis von Expertise. Es geht weniger darum, in einzelnen Bereichen die tiefste Fachkenntnis zu besitzen, sondern vielmehr darum, die richtigen Fragen zu stellen und KI-gestützte Ergebnisse kritisch einzuordnen. Auch die Organisationsstrukturen werden flacher, da viele analytische Aufgaben entfallen und Entscheidungen näher an der Umsetzung getroffen werden.

Für die eigene Rolle bedeutet dies eine Verschiebung des Schwerpunkts. Nachdem zunächst Grundlagen geschaffen und das Thema im Unternehmen verankert wurde, rückt nun die Orchestrierung von KI-basierten Prozessen im großen Maßstab in den Vordergrund. Die zentrale Frage lautet künftig nicht mehr, wie KI eingeführt wird, sondern wie sich Unternehmen kontinuierlich weiterentwickeln, während sich die technologischen Möglichkeiten in immer kürzeren Abständen verdoppeln.

Welche Effekte hatte Ihre Teilnahme an den Best of AI Awards?

Die Auszeichnung wirkte sowohl nach innen als auch nach außen. Intern stärkte sie die Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit der zahlreichen Initiativen im Unternehmen. Extern erwies sich insbesondere der Austausch im Netzwerk als wertvoll, da unterschiedliche Perspektiven aus verschiedenen Branchen zusammenkommen und ein offener, praxisnaher Dialog entsteht.

Herr Geiger, herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

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