Mit der Auszeichnung bei den Capital Best of AI Awards 2025 zählt Daniel Gamber zu den prägenden KI-Unternehmern im DACH-Raum. Im Gespräch mit Markus Trost, Partner bei Odgers, spricht der Co-Founder und CEO von Cambrion über den Wandel von experimentellen KI-Pilotprojekten hin zu skalierbaren, agentenbasierten Wertschöpfungsprozessen.
Daniel Gamber verbindet die Präzision der Automobilindustrie mit der Geschwindigkeit internationaler Tech-Start-ups – und verfolgt eine klare Vision: KI darf kein Showcase bleiben, sondern muss messbaren Impact in operativen Kernprozessen liefern. Im Interview erklärt er, warum kontextbasierte Führung in Zeiten von AI Agents zur Schlüsselkompetenz wird, wie Unternehmen produktivitätssteigernde Use Cases innerhalb weniger Tage realisieren können – und weshalb Deutschland enormes Potenzial für souveräne, wirtschaftlich tragfähige KI-Lösungen besitzt.
Ihre Karriere im Bereich der Künstlichen Intelligenz ist beeindruckend. Was war der entscheidende Moment, der Sie dazu bewogen hat, diesen Weg als Führungskraft einzuschlagen? Und gab es einen Moment, in dem Sie diese Entscheidung zutiefst bereut haben?
Beruflich bin ich in der planungsintensiven Null-Fehler-Welt der Automobilbranche gestartet – danach habe ich das komplette Gegenteil erlebt beim Aufbau von Startups im Silicon Valley, in China und in Europa.
Entscheidend für die Gründung von Cambrion war die Erkenntnis, dass sich die Art und Weise, wie wir unstrukturierte Informationen in Unternehmensprozessen verarbeiten, radikal verändern wird. Denken Sie zum Beispiel an Ausschreibungsunterlagen, regulatorische Anforderungen oder Produkt- und Lieferantenstammdaten.
Was mich jetzt am meisten begeistert, ist zu sehen, wie wir uns vom 'Chatten mit KI' wegbewegen hin zu einer Ära, in der KI-Agenten echte Wertschöpfung in Prozessen übernehmen.
Wir bewegen uns weg vom Chatten mit KI hin zu KI-Agenten, die echte Wertschöpfung in operativen Prozessen übernehmen.
Reue? Ehrlich gesagt, noch keine. Aber ich werde ungeduldig, wenn ich sehe, wie Pilotprojekte ohne klar definierte Erfolgskriterien gestartet werden und deshalb nicht in die Skalierung kommen. Genau deswegen sehen wir gerade im internationalen Vergleich in Deutschland enormes Potenzial, KI konsequent in operative Workflows zu integrieren – mit klar messbarem ROI.
Führung geht immer mit Transformation und Weiterentwicklung einher. Wie erleben Sie das Unternehmen, in dem Sie agieren, vor diesem Hintergrund als Ihr Wirkungsumfeld? Und wie ist es gelungen, Künstliche Intelligenz sowohl strategisch zu verankern als auch wirtschaftlich erfolgreich zu machen?
Als Startup konzentrieren wir uns stark auf die Produktentwicklung, befinden uns aber gleichzeitig in einem konstanten Rennen mit bestens finanzierten Wettbewerbern sowie großen Tech-Firmen. Währenddessen durchlaufen unsere Kunden einen dreifachen Wandel, und zwar kulturell, prozessual und technologisch.
Den entstehenden Unsicherheiten begegnen wir als verlässlicher Partner mit einer einfach bedienbaren Toolbox für strukturierte Daten, die innerhalb weniger Tage produktiv eingesetzt werden kann und sofort messbare Effekte erzielt. Das schafft Akzeptanz und Vertrauen.
Das gilt im Übrigen auch für etablierte Software-Unternehmen, deren Margen momentan stark unter Druck sind. Wir sehen auch hier eine starke Symbiose, da bestehende Produkte mit robuster KI-Funktionalität aufgewertet werden müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Der zunehmende, auch politische Fokus auf souveräne EU-Lösungen hilft uns ebenfalls.
Sie wurden von Capital als einer der führenden KI-Leader im DACH-Raum ausgezeichnet. Was macht Führung im Bereich Data & AI aus Ihrer Sicht besonders – und wofür brennen Sie persönlich in diesem Kontext besonders?
Eine KI-Führungsrolle ist derzeit insofern einzigartig, als zur menschlichen Führung auch das Steuern von KI-Agenten hinzukommt. So abstrakt das noch klingt, so real sieht die Praxis schon aus. Entscheidend ist in beiden Fällen das Führen über Kontext - also das Setzen von Rahmenbedingungen, Zielen und Feedbackschleifen.
KI-Führung bedeutet heute, nicht nur Menschen zu führen, sondern auch Agenten. Entscheidend ist das Führen über Kontext: klare Ziele, klare Rahmenbedingungen und Feedbackschleifen.
Das gilt übrigens auch für unser eigenes Kernprodukt, das Nutzerfeedback zunehmend automatisiert aufnimmt, sodass sich auch die in Kundenhand befindlichen Agenten über neuen Kontext laufend verbessern.
Für effiziente interne Abläufe bin ich leidenschaftlicher Verfechter gezielter KI-Helfer, zum Beispiel in der Entwicklung und im Vertrieb. Nur so schaffen wir das Pensum mit einem derart kompakten Team.
Wie schafft es Ihr Unternehmen, erfolgreiche Use Cases zu implementieren und nachhaltig zu skalieren? Können Sie uns dazu ein konkretes Beispiel aus Ihrer Praxis geben?
Wir skalieren primär über unser Produkt und unser sogenanntes Agent Lab. Nicht-technische Nutzer können darüber heute in wenigen Minuten, in natürlicher Sprache und auf Basis eines Beispieldokumentes einen gezielten KI-Agenten generieren, der dabei hilft, Dokumente nach den jeweiligen Prozessanforderungen autonom, sprich dunkel zu verarbeiten. Diese Flexibilität ist vor allem deswegen spannend, weil wir darüber Use Cases über Fachbereichsgrenzen hinweg bedienen können – egal ob Logistik, HR, Finance oder Entwicklung.
Bei LAUDA übernehmen spezialisierte KI-Agenten, die auf unserer Plattform konfiguriert wurden, die Transformation und Validierung handschriftlicher Prüfprotokolle mit mehr als 200 Messwerten. Sie wandeln unstrukturierte Dokumente in unter einer Minute in strukturierte, maschinenlesbare Daten um – statt der zuvor erforderlichen 30 Minuten manueller Bearbeitung pro Dokument. Dies ermöglicht einen automatisierten Compliance-Prozess im kontrollierten Mensch-KI-Workflow.
Ein führender Automobilzulieferer setzt ebenfalls auf dedizierte Cambrion-Agenten: Diese klassifizieren mehrere hundert neue Patentanmeldungen pro Quartal automatisiert nach Relevanz, Technologiefeld und Wettbewerbsbezug – eine Aufgabe, die zuvor Wochen manueller Sichtung erforderte.
Sie sind seit geraumer Zeit erfolgreich im Bereich der Künstlichen Intelligenz tätig. Wie wird diese Technologie Führung verändern? Und wie wird sich Ihr persönliches Führungsverständnis in den kommenden drei Jahren weiterentwickeln?
Interessant finde ich vor allem, dass stärker als je zuvor über das “Was” als über das “Wie” geführt werden kann. Mit den verfügbaren technologischen Mitteln sind neue Ziele oft deutlich schneller erschließbar.
Mit KI wird gutes Judgment zum Turbo – aber kreatives Denken und kritische Reflexion dürfen wir nicht auslagern.
Kombiniert mit KI wird vor allem gutes Judgment zu einem absoluten Turbo. Kreative Prozesse und kritisches Denken dürfen dabei jedoch nicht vollständig ausgelagert werden. Für mich kommt bis heute zum Beispiel kein Tool an eine gute Whiteboard-Session heran.
Generell erleben wir bei Cambrion außerdem täglich, wie radikal unterschiedlich die Arbeitswelten oft sind. Die eigene
KI-Bubble ist das eine Extrem, der jahrzehntealte Papierprozess beim nächsten Mittelständler das andere. Hier hilft nur neugierig bleiben, sich schnell in der Mitte treffen und auch ein bisschen Spaß dabei haben.
Als erfolgreicher Teilnehmer des zweiten Jahrgangs des „Best of AI Award“: Haben Sie durch Ihre Teilnahme positive Effekte erfahren?
Absolut. Im aktuellen Marktumfeld fällt es schwer, Substanz von Hype zu unterscheiden – da können wir uns für das entgegengebrachte Vertrauen und das Extra an Aufmerksamkeit nur bedanken.
Tatsächlich haben wir alleine seit dem Award-Abend in Berlin bereits mehrere Schnittstellen mit Teilnehmern gehabt, von einem gemeinsamen Webinar hin zur Zusammenarbeit für neue Use Cases.
Wir freuen uns über die stetige Erweiterung dieses hochkarätigen Netzwerkes.
Herr Gamber, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.